Wissen · Paperwings Briefing
Disziplin ist überschätzt. Ordnung nicht.
Wer unter Druck gut führt, hat selten mehr Willenskraft als andere. Er braucht sie seltener, weil viele Entscheidungen schon vorher gefallen sind. Was der Alltag beim Militär darüber lehrt, was die Forschung dazu sagt und was Managementteams daraus machen können.
Der Alarmstuhl
Auf dem Einzelkämpferlehrgang an der Luftlande- und Lufttransportschule in Altenstadt, draußen am Sauwaldhof, hatte jeder von uns einen Alarmstuhl. Das war ein ganz normaler Stuhl neben dem Bett. Darauf lag jeden Abend die Ausrüstung, immer in derselben Reihenfolge und immer an derselben Stelle. Ehrlich gesagt fand ich das am Anfang übertrieben. Nach einem langen Tag im Gelände will man nicht auch noch Ausrüstung sortieren.
Dann kam nachts der Alarm, und alles musste schnell gehen. In diesem Moment war der Stuhl kein Ritual mehr, sondern die Lösung. Ich musste nichts suchen und über nichts nachdenken. Die Hand ging dorthin, wo die Sachen immer lagen.
Erst da habe ich verstanden, wozu das Ganze gut war. Die Ordnung am Abend war eine Entscheidung, die ich in Ruhe getroffen hatte, damit ich sie unter Druck nicht mehr treffen musste. Struktur ersetzt in der Krise kein Können. Aber sie hält den Kopf frei für das, was dann wirklich zählt.
Danny Herzog-Braune, Hauptmann d. R.
Was die Forschung dazu sagt
Willenskraft ist unzuverlässig. Die Idee, Selbstkontrolle ermüde wie ein Muskel (Baumeister et al., 1998), hat sich in einer großen Wiederholungsstudie mit 23 Laboren kaum bestätigt (Hagger et al., 2016). Stabiler ist ein anderer Befund: Menschen mit hoher Selbstkontrolle erleben weniger Versuchungen, gegen die sie ankämpfen müssen (Hofmann et al., 2012), und gute Gewohnheiten erklären einen großen Teil ihres Erfolgs (Galla & Duckworth, 2015).
Vorher festlegen wirkt. Wer in einem Wenn-dann-Plan festlegt, wann und wo er etwas tut, setzt es deutlich häufiger um. Das zeigt eine Auswertung von 94 Studien (Gollwitzer & Sheeran, 2006). Schon das Aufschreiben eines konkreten Plans für eine offene Aufgabe verringert störende Gedanken daran (Masicampo & Baumeister, 2011).
Checklisten schützen auch Profis. Mit einer Checkliste der Weltgesundheitsorganisation mit 19 Punkten sank in acht Krankenhäusern die Sterblichkeit nach Operationen von 1,5 auf 0,8 Prozent (Haynes et al., 2009).
Nachbereitung zahlt sich aus. Teams und Einzelne, die strukturiert nachbereiten, verbessern ihre Leistung im Schnitt um etwa ein Viertel (Tannenbaum & Cerasoli, 2013).
Zwölf Gewohnheiten im Überblick
Was Managementteams daraus machen
Für ein Führungsteam sind drei der zwölf Gewohnheiten besonders wichtig.
Klar übergeben, mit Zweck
Ein Auftrag nennt, was zu tun ist, wer es tut und bis wann. Beim Führen mit Auftrag, dem Führungsgrundsatz der Bundeswehr, gehört noch etwas dazu: wozu es getan werden soll. Wer den Zweck kennt, handelt auch dann vernünftig, wenn sich die Lage ändert. Wer nur die Aufgabe kennt, muss nachfragen oder erledigt etwas, das dem Wortlaut entspricht, aber nichts mehr nützt.
Nachbereiten, auch nach Erfolgen
Vier nüchterne Fragen genügen: Was war geplant? Was ist tatsächlich passiert? Warum gab es einen Unterschied? Was machen wir beim nächsten Mal anders? Wenn ein Team das nur nach Misserfolgen tut, wird daraus schnell eine Suche nach Schuldigen. Macht es das regelmäßig, wird es zur Gewohnheit.
Vorbereiten, bevor es eng wird
Was der Alarmstuhl für die Ausrüstung war, sind für ein Managementteam vereinbarte Abläufe: Wer beurteilt die Lage? In welcher Reihenfolge wird entschieden? Wie wird der Auftrag übergeben? Was vor der Krise geklärt ist, muss in der Krise nicht mehr verhandelt werden.
Im Seminar üben
Führen mit Auftrag und saubere Nachbereitung trainieren wir in zwei Tagen Planspiel am Modell, für Geschäftsführungen und Managementteams. Jede Gruppe führt dabei selbst.
- Termine: Würzburg, Sa/So 21./22. November oder 12./13. Dezember 2026
- Preis: 1.690 € pro Person zzgl. USt.
- Inhouse: auch für Ihr Team, Ort und Termin nach Absprache
Quellen
- Baumeister, R. F., Bratslavsky, E., Muraven, M. & Tice, D. M. (1998): Ego depletion: Is the active self a limited resource? Journal of Personality and Social Psychology, 74(5), 1252–1265.
- Galla, B. M. & Duckworth, A. L. (2015): More than resisting temptation: Beneficial habits mediate the relationship between self-control and positive life outcomes. Journal of Personality and Social Psychology, 109(3), 508–525.
- Gollwitzer, P. M. & Sheeran, P. (2006): Implementation intentions and goal achievement: A meta-analysis of effects and processes. Advances in Experimental Social Psychology, 38, 69–119.
- Hagger, M. S. et al. (2016): A multilab preregistered replication of the ego-depletion effect. Perspectives on Psychological Science, 11(4), 546–573.
- Haynes, A. B. et al. (2009): A surgical safety checklist to reduce morbidity and mortality in a global population. New England Journal of Medicine, 360(5), 491–499.
- Hofmann, W., Baumeister, R. F., Förster, G. & Vohs, K. D. (2012): Everyday temptations: An experience sampling study of desire, conflict, and self-control. Journal of Personality and Social Psychology, 102(6), 1318–1335.
- Masicampo, E. J. & Baumeister, R. F. (2011): Consider it done! Plan making can eliminate the cognitive effects of unfulfilled goals. Journal of Personality and Social Psychology, 101(4), 667–683.
- Tannenbaum, S. I. & Cerasoli, C. P. (2013): Do team and individual debriefs enhance performance? A meta-analysis. Human Factors, 55(1), 231–245.
Die ausführliche Fassung mit allen zwölf Gewohnheiten ist im Paperwings Briefing auf LinkedIn erschienen.